Interview zum Buch

Andreas Müller hat sich für den Humanistischen Pressedienst selbst interviewt und zu diesem Zwecke seine Persönlichkeit aufgespalten. Werden Sie Zeuge eines erweiterten Gesprächs zwischen Redakteur und Autor, exklusiv hier auf der offiziellen Website des Trios...

 

Andreas Müller (hpd): Guten Tag, Andreas. Bist du fit für dein erstes Interview zum neuen Buch?

Der Autor: Meine Zimmerpflanze ist vertrocknet. Ansonsten fühle ich mich gut. Aber dieser Eindruck kann täuschen, wenn man bedenkt, dass ich gerade mit mir selbst rede.

 

Andreas Müller (hpd): Nach deinen beiden Harry Potter Parodien Terry Rotter und der Stein des Anstoßes sowie Terry Rotter und die fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit, die als e-Book erschienen sind, ist dies nun dein erstes reguläres Werk. Wie fühlt es sich an, ein gedrucktes Buch mit dem eigenen Namen darauf in den Händen zu halten?

Der Autor: Es hat eine ziemlich glatte Oberfläche, fühlt sich aber nicht ungewöhnlich an für ein Buch. Ich denke, man kann es risikofrei aufschlagen.

Meine autorischen Gefühle sind Ergebnis einer langen, tragischen und kitschig-trivialen Geschichte. Als Kind wollte ich Zoologe werden. Nein, warte, ich fange noch einmal an: Als Kind wollte ich Schriftsteller werden und die Veröffentlichung eines Buches könnte möglicherweise dabei helfen. Die erfolglosen Versuche, einen Verlag davon zu überzeugen, dass Terry Rotter eine echte Satire ist und keine Fan-Fiction, haben meine Schriftsteller-Gefühle empfindlich verletzt. Eine lange Therapie, während derer unzählige Leute Das Prometheus Trio kaufen werden, dürfte mich allmählich kurieren. Daran anschließend realisiere ich irgendwann, dass ein Buch von mir veröffentlicht wurde.

 

Andreas Müller (hpd): DasPrometheus Trio ist eine Kriminalsatire, nicht wahr?

Der Autor: Das habe ich auch gehört.

 

Andreas Müller (hpd): Und? Stimmt es?

Der Autor: Achso, ja! Es ist eine Kriminalsatire mit fantastischen Elementen, also mit unwahrscheinlichen Geschehnissen und überzeichneten Charakteren, aber ohne Übernatürliches darin. Es geht um Jugendliche und um die Probleme des Erwachsenwerdens und außerdem geht es um zwei Sekten, die diese Jugendlichen opfern wollen. Das Buch spielt nämlich im finstersten Bayern, wo solche Dinge täglich geschehen.

 

Andreas Müller (hpd): Was sind denn das für Sekten?

Der Autor: Die eine ist eine fundamentalchristliche Sekte und die andere ist ein UFO-Kult. Das ist nämlich so: Es tauchen Kornkreise in Hirtenstadt auf, die sich die Bewohner nicht erklären können. UFO-Gläubige erwarten die Rückkehr der sogenannten „Kryptorianer“, weil sie glauben, dass diese Kryptorianer sie auf ihren Heimatplaneten mitnehmen werden. Dort, so meinen die Ufologen, werden sie für ihren Glauben an die Außerirdischen durch ewiges Leben belohnt werden. Die Christensekte möchte zuerst den UFO-Kult ihrem Gott opfern, weil er Götzen anbetet, aber dann tun sich die beiden Sekten zusammen und wollen drei Jugendliche opfern, weil diese sich in Bayern aufklärerisch betätigen. Und das geht ja gar nicht.

 

Andreas Müller (hpd): Der Theologe Jean Tee, mehrfacher Preisträger im Weihnachtskrippendekorieren, hat gesagt, dass dein Buch der Untergang des christlichen Abendlandes wäre. Hat er recht?

Der Autor: Ich bin nicht so eingebildet, als dass ich glauben würde, ein einziges Buch, selbst wenn es von mir stammt, könnte eigenhändig das christliche Abendland dem Untergang weihen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

Andreas Müller (hpd): Was hast du denn gegen das christliche Abendland? Hat es dir schon jemals etwas getan?

Der Autor: Es existiert ja schon seit 700 Jahren nicht mehr. Aber das sehen die Leute anders und wollen es verteidigen gegen Muslime und so weiter. Es wäre mir lieber, wenn die Leute die freie Gesellschaft verteidigen würden, anstelle des finsteren Mittelalters.

 

Andreas Müller (hpd): Wie wurde dein Buch bei den ersten Lesern aufgenommen?

Der Autor: Mit der Post. Mein Verlag und ich haben es an ganz viele Leute geschickt, an Feministinnen, Physiker, Psychologen, Religionswissenschaftler, Theologen, an die allerkomischsten Leute.

 

Andreas Müller (hpd): Und? Hat es ihnen gefallen?

Der Autor: Nein. Ähm, ja, meine ich! Sie fanden es sehr amüsant, sogar die gläubige Leserschaft – was irgendwie masochistisch ist, aber umso besser. Die Feministinnen haben sich darüber beschwert, dass die bayerischen Frauen so wenig emanzipiert seien. Aber das ist gar nicht meine Schuld.

 

Andreas Müller (hpd): Warum bewirbt dein Verlag das Buch parallel als Kriminalsatire für Erwachsene und als Jugendbuch ab 16 Jahre?

Der Autor: Weil es beides ist. Es gehört einem neuen Genre an, für das es noch keinen Namen gibt.

 

Andreas Müller (hpd): Das behauptest du doch nur, damit die Leute dein Buch kaufen. Als ob du ein neues Genre erfunden hättest.

 Der Autor: Na ja, was heißt „erfunden“? Es ist halt so entstanden, wie der Schnabel vom Schnabeltier. Mein Erstling, Terry Rotter und der Stein des Anstoßes, verfolgte eine ähnliche Strategie wie das Trio, indem es zwar vordergründig eine Parodie von Harry Potter darstellte, tatsächlich jedoch als überdrehte Polit- und Gesellschaftssatire nicht nur sein „Vorbild“ demolierte, sondern auch Phänomene wie Rechtsradikalismus, konservative Eliteschulen und irrationales Denken.

Ebenso geht es im Prometheus Trio vordergründig darum, dass drei Jugendliche einen mysteriösen Fall aufklären. Darunter verbirgt sich jedoch eine bissige Satire über Esoterik, Ideologie und Religion. Allerdings ist das Prometheus Trio viel ausgefeilter als mein Erstlingswerk. Da stecken so viele Stunden Arbeit drin, dass ich stattdessen zwei Pyramiden hätte bauen können.

 

Andreas Müller (hpd): Die Geschichte des Buches spielt ja in einer fiktiven Stadt in Bayern. Insgesamt kommen die Bewohner dieses Bundeslandes nicht allzu gut weg. Hast du etwas gegen die bayrische Lebensart? Immerhin wohnst du ja selbst im Freistaat.

Der Autor: Ich habe gar nichts gegen die bayrische Lebensart, solange man sie von der menschlichen Zivilisation isoliert. Man könnte sie zum Beispiel in einem luftdichten Raum mit Stahltüren und einem Glas Wasser einschließen. Der Wissenschaftsblogger Kamenin hat eine nette Untersuchung angestellt, in welchen Bundesländern Religion, Esoterik und Pseudowissenschaften am beliebtesten sind. Rate mal, wer gewonnen hat.

 

Andreas Müller (hpd): Eine der Hauptfiguren des Buches, John, ist Jude und trotzdem Atheist. Zudem wird das Judentum doch teilweise kräftig im Buch durch den Kakao gezogen. Wie geht das zusammen?

Der Autor: Gar nicht. Aber hier meine Rechtfertigung: John geht es wie Albert Einstein, der sagte, die Bibel sei eine Sammlung „primitiver Legenden, welche doch ganz schön kindisch sind“. Das dürfte den meisten Juden ziemlich egal sein, denn sie nehmen Religion sowieso nicht ernst – ganze 75% der jüdischen Bevölkerung Israels sind säkular. Alleine der typisch jüdische Humor, der mir sehr gut gefällt und den ich im Buch aufgreife, zeugt ja bereits von einem lockeren Umgang mit dem Glauben. Was viele Juden allerdings ernstnehmen, ist die jüdische Kultur, und die ist paradoxerweise religiös. Johns Eltern, obwohl ebenfalls Atheisten, sind große Fans jüdischer Traditionen und bewerben sie bei ihren Gästen, selbst bei denen, die gekommen sind, um ihren Sohn zu entführen. Und hieraus entsteht ein Generationenkonflikt, denn John möchte sich nicht damit identifizieren, sondern seinen eigenen Weg finden. Die gedankenlose Übernahme einer alten Tradition steht traditionellerweise ganz oben auf der Liste von Dingen, über die sich Satiriker lustig machen.

Einer meiner Lieblingsautoren, der jüdische Satiriker Ephraim Kishon, hat sich ebenfalls auf wunderbare Weise über die jüdische Kultur lustig gemacht. Wer seine Werke kennt, wird auch ein paar Anspielungen entdecken. Eine weitere Motivation besteht darin, dass ich mir eine Normalisierung des Umgangs mit dem Judentum in Deutschland wünsche, auch wenn es den Leuten wahrscheinlich ziemlich egal ist, was ich mir so alles wünsche. Es kann nicht sein, dass ständig irgendein gläubiger Funktionär Religionskritikern vorwirft, sie wären antisemitisch, nur weil sie die „heiligen Schriften“ gläubiger Juden kritisieren. Das haben sie zum Beispiel mit Richard Dawkins getan, nur weil er den Gott des Alten Testaments, der die Vernichtung ganzer Völker anordnet und kleine Häschen in der Sintflut ersäuft, nicht allzu sympathisch findet. Rein politisches Kalkül ist das und aus der wortkämpferischen Kanalisation gefischt.

 

Andreas Müller (hpd):Das Buch ist gegenüber Gläubigen sehr respektlos. Besonders die Figur des christlichen Sektenführers ist ja völlig überzogen. Auch wenn es sich bei dem Buch um Satire handelt, hast du keine Angst vor heftigen Reaktionen von sich verletzt fühlenden Gläubigen?

Der Autor: Ach, es gibt gar keinen Grund für solche Befürchtungen. Wenn mir die Front der Gerechten schön aus dem Weg geht, dann passiert ihr auch nichts. Und es ist ja nicht so, als würde ich hier Neuland betreten. Ich bin schon seit Jahren als Religionskritiker aktiv und habe schon alle möglichen Drohungen und Diffamierungen in meiner Sammlung, sodass es mir im Grunde schon langweilig ist. In der Tat bin ich in letzter Zeit zum Wissenschaftsjournalismus übergegangen und habe mich mit anderen Themen befasst. Religionskritik betreibe ich weiter, bis ich den Wettbewerb mit Michael Schmidt-Salomon gewinne, bei dem er komischerweise gar nicht mitmachen will. Leider kommt er mir nämlich immer wieder dazwischen und schreibt etwas, das noch provokativer ist als meine Texte. Ich habe mir lange überlegt, wie ich seine Religulous-Rezension noch toppen könnte, ohne wie ein Verrückter zu klingen, was mir aber nicht gelungen ist. Er hat also einen Punkt Vorsprung.

Die Reaktionen von Gläubigen sind mir daher schon wohlbekannt. Ich finde es immer wieder bemitleidenswert, wenn sich erwachsene Menschen öffentlich über ihre verletzten Gefühle beschweren. Ich neige dann immer dazu, ihnen zur Wiedergutmachung einen Schnuller anzubieten. In jedem anderen Bereich würden wir über so ein Verhalten lachen. Man stelle sich vor, Angela Merkel beschwerte sich öffentlich darüber, dass die Komiker von Neues aus der Anstalt ihre Gefühle verletzten. Nicht so, wenn es um Religion geht, da glauben die Leute doch wahrhaftig, sie hätten ein Recht darauf, nicht beleidigt zu sein.

Und dabei ist Religion ein echter Oberkäse mit so vielen Logiklöchern, dass vom Käse kaum noch was übrig ist. Der Glaube ist viel unsinniger als Angela Merkel und was sonst noch verulkt wird. Natürlich behalten die Menschen ihre tiefsten Überzeugungen auch nicht für sich, sondern lassen sie in die Politik einfließen.

Wenn irgendeine Tragödie passiert, dann veranstalten die Deutschen einen Gottesdienst für das höhere männliche Wesen, welches das wüstennomadische Präkariat des Mittleren Ostens vor über 2000 Jahren herbeifantasiert hat. Mich stört neben den Vorrechten der beiden Großkirchen vor allem die bizarre Vorstellung, der christliche Gott habe die Menschenrechte erfunden und selbst falls er nicht existieren sollte, bräuchten wir zumindest noch die christlichen Werte und Rituale. Genauso könnte man sagen, dass der elefantenköpfige Gott Ganesh die Menschenrechte erfunden hat, obwohl er nicht existiert und dass wir trotzdem noch Ganesh Chaturthi feiern müssen, wenn ein Baum auf einen Politiker fällt. Historisch frei erfunden, argumentativ direkt aus dem Arkham Asylum. Und sowas muss man kritisieren dürfen, ohne gleich von einem wütenden Christenmob gelyncht zu werden wie Hypatia von Alexandrien.

 

Andreas Müller (hpd): Das Buch ist Douglas Adams gewidmet und auch der Stil und der Inhalt erinnern an ihn. Zudem wurde im Buch ein Easter Egg für Adams Fans versteckt. Wie sehr fühlst du dich dem literarischen Erbe von Douglas Adams verpflichtet?

Der Autor: Nach einem langen Aufenthalt im Totalen Durchblicksstrudel musste ich einsehen, dass ich im Vergleich zu Douglas Adams nur ein wassissnsches Schlammschwein bin, was vielleicht mehr über den Planeten aussagt, auf dem ich lebe, als über mich. Ich versuche also erst gar nicht, in seine Fußstapfen zu treten und habe mich stattdessen am literarischen Vorbild der Vogonen orientiert.

 

Andreas Müller (hpd): Mir ist aufgefallen, dass dieses Buch auch viele philosophische Elemente enthält.

Der Autor: Filoso-Fische...?

 

Andreas Müller (hpd): Vergiss es. Und das Prometheus Trio soll eine ganze Reihe werden?

Der Autor: Es steht zu befürchten. Letztlich haben das die Leser in der Hand, in ihrer großzügigen, konsumfreudigen Hand, die nur darauf wartet, ein so unterhaltsames, spannendes, witziges, glaubensverachtendes Buch zu lesen wie „Das Prometheus Trio: Die Invasion.“

 

Andreas Müller (hpd): Vielen Dank für das Gespräch.

Der Autor: Es war mir eine Freude, mal wieder mit dir zu reden.